Griechenland- Der Peloponnes

Mykene


Es ist ein Fels inmitten von Felsen, so dass man ihn nicht unterscheiden kann. Aber an dem Herzklopfen spürt man, dass man ihm näher kommt. Wir bogen nach rechts ein und da erhob sich schon vor uns das furchterregende Tor mit den zwei Löwinnen. Hier ist die Metzgerei, sagte der Chauffeur anhaltend.

So erlebte Nikos Kazantzakis, einer der bekanntesten griechischen Schriftsteller, seinen ersten Besuch auf der Burg der Atriden. Das ist gut 100 Jahre her. Nur wenige Besucher reisen heute noch mit eigenem Chauffeur an. Es sei denn, man setzt einen Busfahrer mit einem Chauffeur gleich. Auch kann man nicht mehr bis direkt vor das Eingangstor fahren. Ein großer Parkplatz vor dem Hügel ist endlos überfordert mit den Heerscharen von Touristenbussen, die ab 8:45 Uhr am Morgen im Minutentakt an- und wieder abrollen. Der Lärm hunderter italienischer Teenager übertönt das Summen von schweizer Herzschrittmachern. Deutsch- und englischsprachige Reiseführer mit griechischem Akzent rufen, erklären, winken und singen, um ihre Gruppen beisammen und bei der Sache zu halten. Mykene ist verrückt. Aus den Fugen. Das war nie anders.

Mykene ist alt. Viel älter als die Akropolis in Athen oder die Tempel von Olympia. Um circa 2000 v.Chr. gegründet, wurde der letzte König schon 700 Jahre später bei einer Schlacht gegen die Nachfahren des Herkules getötet. Mykene ist so alt, dass hier sogar die Frauen noch für eine gewisse Zeit das Sagen hatten. Bis ein gewisser Agamemnon aus einer großen Schlacht heimkehrte... aber dazu später.

Mykene ist mystisch. Hier lebte König Euristheus. Eine eher bemitleidenswerte Gestalt. Er stellte dem Herkules zwölf Aufgaben, die dieser lösen musste. Am Ende verlor der König seinen Thron. Herkules ist in dieser Gegend allgegenwärtig. Wir besitzen zwei CDs mit seinen 12 Heldentaten und wir hören sie rauf und runter. Am besten gefällt mir die Sage, in der Herkules die goldenen Äpfel der Hespiriden (4 Jungfrauen) besorgen muss.

Herkules durchquert die Wüste Lybiens. Er kommt in den Kaukasus und befreit den leidenden Prometheus (-> himmlisches Feuer geklaut und zur Strafe von Zeus an Felsen gekettet). Dann geht er zu Atlas, dem Vater der Hespiriden. Atlas, ein Titan, muss seit dem verlorenen Kampf gegen die Götter das Himmelszelt tragen. Herkules bietet an, ihm für ein paar Stunden die Last abzunehmen. Dafür soll ihm Atlas die Äpfel besorgen. Atlas ist so glücklich das lästige Himmelszelt für einige Zeit loszuwerden, dass er auf den Vorschlag eingeht und sich die Äpfel von seinen Töchtern geben lässt. Auf den Geschmack gekommen, entschliesst sich der senile, aber nicht völlig altruistische Atlas, Herkules den Himmel ein wenig weiter tragen zu lassen und statt seiner die Äpfel zu König Euristheus zu bringen. Und jetzt kommt der Unterschied zwischen Herkules und Siegfried. Herkules lobt Atlas für die tolle Idee. Er findet es nur fair, dass der gute Atlas auch mal ein wenig Zeit hat durch die Welt zu traben. Allerdings drücke ihn ein Stein im Schuh und den würde er doch all zu gerne noch beseitigen, bevor er hier weiter den Atlas gäbe. Der naive Titan nimmt Herkules das Himmelszelt ab, so dass dieser sich den Stein entfernen kann...

Mykene ist ein Schlachthaus. Das hatte ja schon der Chauffeur zu Beginn bemerkt. Schon Perseus, der Firmengründer, hatte seinen Großvater auf dem Gewissen. Später kam dann König Atreus, der Stammhalter der Atriden und Vater des Agamemnon. Er verstand sich nicht besonders gut mit seinem Bruder Thyestes. Das soll in den besten Familien vorkommen. Atreus aber trieb es zu weit. Er bot seinem Bruder dessen eigene Kinder zum Abendbrot an. Ich denke spätestens hier ist klar, dass die Sippe der Atriden nicht ganz normal war. Agamemnon heiratete Klytämnästra, die Tochter des Tantalus (ein weiterer Mörder, den Zeus persönlich bestrafte). Als Agamemnon vom Feldzug gegen Troja zurückkehrte wurde er von Ägisthus, dem Liebhaber seiner Frau, erschlagen. Orestes und Elektra, zwei seiner Kinder, entkamen dem Massaker und rächten sich 8 Jahre später an Klytämnästra und Ägisthus. Beide werden von Orestes erschlagen. Ich denke das reicht um die These des Schlachthauses zu untermauern.

Mykene ist spektakulär. Nicht nur aufgrund seines Alters, seiner Mystik und seiner blutigen Geschichte. 1875 kommt ein Deutscher Abenteurer namens Heinrich Schliemann auf den Peloponnes. Er hat sich ein Stück kindliche Naivität bewahrt und glaubt den Geschichten von Homer aufs Wort. Ich habe auch schon einmal ein hoch spannendes Buch über einen Heimatkundler aus dem Westerwald gelesen, der der Meinung war, er hätte das Hexenhaus von Hänsel und Gretel gefunden. Schliemann grub Mykene aus und fand in den Kuppelgräbern kostbare Grabbeilagen. Unter anderem auch die goldene Totenmaske eines Fürsten oder Königs, die bis heute für Aufsehen sorgt (siehe rechts).

Mykene kann sehr schön sein. Wir waren am Abend eingetroffen und hatten uns auf dem Parkplatz direkt vor dem grossen Schild mit der Aufschrift „No Camping" häusslich eingerichtet. Bis gegen 20 Uhr (an einem Freitag!!!) waren noch zwei Griechen mit dem Verlegen einer Elektroleitung quer über den Parkplatz beschäftigt. Danach kehrte komplette Ruhe ein, die nur noch von den grauenhaften Schreien eines Käuzchens direkt gegenüber am Burghügel gestört wurde. Später kamen kräftige Sturmböen, trieben graue Wolkenfetzen vor sich her und brachten unser Wohnmobil ins Schwanken. Es war die perfekte Szenerie für die blutige Königsstadt.

Am nächsten Morgen waren wir tatsächlich unter den ersten Gästen. Der Sieg ging an zwei Radler aus Jena (schönen Gruß an dieser Stelle und Danke nochmal für den Baedicker), knapp gefolgt von einem Bus voll Frührenter aus der Schweiz und der Familie Arnoldt. Allerdings wurden wir bereits kurz hinter dem Löwentor vor zirka 40 Italienischen Realschülern überholt, die am Ende den Tagespreis für die früheste Abfahrt vom Parkplatz erhielten. Gratulation.

Hugo und Theresa gingen wie immer auf Schatzsuche und wurden ganz am Ende in der Schatzkammer des Atreus fündig. Eine Glasperle (Pardon - Diamant) sowie zwei Goldstücke im Wert von umgerechnet 1,20 Euro waren die stattliche Ausbeute. Außerdem fanden sie noch ein passendes Spielfeld aus Stein (Bild rechts). Wir waren wie immer nach so einer Exkursion ziemlich geschafft und begingen den grauenhaften Fehler von Mykene direkt nach Athen zu fahren. Aber das ist, wenn überhaupt, eine andere Geschichte.
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Agamemnon hält Ausschau



Über die Schandtaten der Atriden ist Gras gewachsen


Diejenige welche


Der Löwe vor dem Löwentor


Theresa in der Zyklopennordwand



Mykene's Goldschatz
©


Hugo auf den Schultern eines Zyklopen



Apfelsinenparty in Mykene die Erste


Apfelsinenparty in Mykene die Zweite


Apfelsinenparty in Mykene die Dritte