Orkney, Shetland und Island

Unser langer Weg nach Amerika

Vor mehr als 10 Jahren reiste ich nach einem Auslandsemester in Russland mit dem Bus von Sankt Petersburg nach Helsinki. Kurz hinter Vyborg, einer Grenzstadt die im 20.Jahrhundert herumgereicht wurde wie eine heisse Kartoffel, lag die finnische Grenze. An dieser Grenze im preiselbeerenbewachsenen, mückengeplagten Karelien treffen zwei Kulturen aufeinander, die unterschiedlicher wohl nicht sein können. Ähnlich wie mit den Russen und den Finnen verhält es sich mit den Briten und den Isländern.

Man mag jetzt lange über geschichtliche Ursachen, Oliver Cromwell und Elisabeth I diskutieren, aber nach 6 Wochen auf britischen Boden, mit Menschen, die selbst beim Duschen ihre Badekleidung nicht ablegen und umzingelt von Videoüberwachungskameras, Hinweis- und Verbotsschildern, kamen wir uns vor, als wenn wir in die Freiheit segeln. Wir haben lange darüber diskutiert. Obwohl unsere ganz Reise durch Länder mit freiheitlichen, demokratischen Gesellschaftssystemen führte, so waren Unterschiede in den Gesetzen, Regelungen und Bestimmungen, die sich die Menschen in den einzelnen Ländern gegeben haben, nicht zu übersehen. Erstaunlicherweise (oder vielleicht auch gerade nicht) sind es die ältesten Demokratien England und Frankreich, die sich das engste Korsett im täglichen Leben angelegt haben.

Unsere Ankunft auf Island stand somit unter einem guten Stern. Bevor wir aber auf das Fährschiff "Norröna" der Smyrilline steigen konnten, warteten noch die Orkney- und Shetlandinseln sowie einige Überraschungen auf uns.

Die wohl größte erlebten wir am Tag unserer geplanten Besteigung der Islandfähre. Auf dem Zeltplatz trafen wir ein Paar aus den Niederlanden, die von Dänemark aus per Rad über Norwegen und dann per Fähre nach Shetland gefahren waren. Der nette Niederländer mit seinem drolligen Deutsch schaute uns etwas verwundert an, als wir ihm von unserer geplanten Überfahrt nach Island erzählten: „Macht ihr da nicht einen Fehler, Freunde?", fragte er uns. „Die Fähre ist doch schon heute Nacht abgefahren. Wir sind mit ihr von Bergen aus hier angekommen." Alles Blut, das nicht gerade zur Versorgung lebenswichtiger Organe benötigt wurde, stieg in unsere Ohren. Zuerst zweifelten wir noch an der Zurechnungsfähigkeit des Holländers, aber er hatte zweifellos auf der richtigen Fähre gesessen. Dann begannen wir an unserer eigenen Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln. Und hatten allen Anlass dazu. Statt wie von uns angenommen um 1:30 Uhr am Nachmittag, war unsere Fähre bereits um 1:30 Uhr am Morgen Richtung Island in See gestochen. Natürlich ohne uns. Diese Zeitverwirrung bescherte uns eine weitere Woche auf den Shetlandinseln, worüber wir im nachhinein nicht undankbar sind.

Die Shetlander sind überaus freundliche und kontaktfreudige Menschen. Das Inselchen lebt vor allem von dem Geld, das British Petrol (BP) für die Ölförderrechte um Shetland herum bezahlt hat. 500 Millionen Pfund Sterling sind an den Geld- und Kapitalmärkten rund um den Globus angelegt und die Anlageerträge fließen direkt in das Budget der öffentlichen Haushalte. Wen wundert es da, dass Shetland eine Arbeitslosenrate von gerade einmal 1,5% hat, jedes mittelgroße Dorf einen eigenen Sportkomplex mit Schwimmhalle besitzt und 45% (!!!) der öffentlichen Ausgaben in den Bildungsbereich fließen. Die Shetländer sind ohne Zweifel glückliche Menschen und das spiegelt sich in der lokalen Geburtenrate wieder, die um 20% höher ist als der schottische Durchschnitt. Wir hatten das große Glück, eine shetländisch-deutsche Familie kennen zu lernen und verbrachten zwei wunderbare Abende in einer echten Immobilie, was Hugo und Theresa sehr zu schätzen wussten. Jürgen und Lauris waren früher echte Globetrotter, haben sich aber jetzt mit ihren 3 Kindern (Olaf, Anna und Sonja) auf Shetland, der Heimat von Lauris, niedergelassen. Jürgen und ich haben nicht nur die Vornamen gemeinsam, sondern auch das Geburtsjahr sowie Geburtsorte, die eng mit Martin Luther verbunden sind (Wittenberg und Eisenach). Die Welt ist eben manchmal doch recht klein.

Im zweiten Anlauf schafften wir es dann doch noch auf die Fähre nach Island. Mitten in der Nacht (2:30 am) torkelten vier besoffen-müde Gestalten mit schwerem Gepäck über das Autodeck der Norröna. Mit dabei war ein Geburtstagskind, aber dass haben wir Hugo erst am nächsten Morgen verraten. Dann gab es für die Kinder den seit Wochen geforderten Smartieskuchen und für uns Erwachsene ordentlich „Butter bei die Fische".

Noch halb betrunken konnten wir die ersten Tage auf Island gar nicht richtig wahrnehmen. Es hat viel geregnet. Meistens wehte auch noch ein kräftiger Wind. Die Insel erschien uns wie eine Mischung aus amerikanischer Westküste, Mittelerde und Mond. Den wilden Regenschauern der ersten Tage begegneten wir mit ausgedehnten Schwimmbadbesuchen (Sundlaug). Einher mit der Rückkehr unseres Zurechnungsvermögens ging eine deutliche Wetterverbesserung. Wir begriffen recht schnell. Der isländische Dramaturg verstand etwas vom Leben. Er wußte, das wirkliches Glück immer mit Entbehrung einher geht. Und so schickte er uns drei Regentage nur damit wir die paar Sonnenstunden am 4. Tag zu schätzen wußten. Gleiches galt bei den Temperaturen. Wer drei Tage bei 3 Grad Celsius im Fleeceshirt gefroren hat (man vergesse nicht, dass wir fast 5 Monate hindurch warmes Sommerwetter gehabt hatten), der weiß die Wärme einer nordischen Sonne zu schätzen und es fällt nicht schwer, sich mit zurückgelehntem Kopf und geschlossenen Augen an das Mittelmeer zurück zu träumen.

Und welche Pracht entfaltete diese Sonne da vor unseren Augen? Obwohl Island gerade einmal so groß ist wie der Osten Deutschlands, so bietet es doch eine landschaftliche Abwechslung die ihresgleichen sucht. Mondlandschaften aus feinem schwarzen Sand, weite Ebenen übersät mit poröser, pustelförmiger oder kartoffelknollenähnlicher, moosbewachsener Lava, zum Himmel stinkende Solfatarenfelder, bühnenbildartige Wasserfälle, blubbrige Heiswasserquelle, springende Geysire, haushohe Eisberge in eiskalten Gletscherlagunen und so weiter und so weiter. Und dabei haben wir, aufgrund des knappen Zeitrahmens und der Art unseres Gefährts, nur die Ringstraße und nicht eine der unzähligen Hochlandpisten, befahren.

Das führt mich direkt zum Thema Fahruntersatz. Island ist vielleicht die letzte archaische Naturlandschaft im größeren Europa. Sonst fallen mir in der „näheren" Umgebung nur noch der Kaukasus, der Nordural und Skandinavien oberhalb des Polarkreises ein. Deshalb sieht man auf Island allerlei Gefährt (und das dazugehörige Volk), welches man ansonsten nur in der Sahara oder der äußeren Mongolei antrifft. Als wir auf der Fähre die diversen Amphibienfahrzeuge, umgebauten 10-Tonner, Defender mit Spezialaufbauten und 4-Wheel-Offroader mit Ballonreifen sowie die dazugehörigen Insassen, die samt und sonders polartaugliche Thermokleidung trugen, sahen, jagte uns das einen großen Schrecken ein. Fuhren wir etwa zum falschen Ort? Alles schon passiert! Wir checkten Internet und Reiseführer, um wirklich sicher zu gehen, dass man Island auch mit einem „normalen" Auto, bei dem der lahme Motor nur zwei von vier Rädern antreibt und welches sich bei steilen Schotterpisten zum Mittagessen verabschiedet, befahren kann. Außerdem sahen wir bei wetter.com nach, ob die isländische Quecksilbersäule sich in den letzten Tagen in Richtung 0 Grad Kelvin bewegt hatte. Aber die Aufregung war diesmal umsonst. Sowohl die Ringstrasse als auch ein großer Teile der größeren Nebenstraßen besitzt bereits feinsten Asphalt und die Wetteraussichten für Island waren, wenn auch nicht berauschend, so doch grünen Bereich. Wo fuhren dann aber diese Leute in den automobilen Ungeheuern hin? Auch diese Frage war schnell geklärt. Natürlich war Island für sie nur Zwischenstation. Die meisten fuhren weiter nach Grönland um dort das Packeis zu überqueren. Einige wollten von dort aus noch weiter zum Nordpol. Und einige ganz Verwegene waren Richtung Behringstraße unterwegs, um diese zu überqueren und dann durch Sibirien die Rückreise nach Mitteleuropa anzutreten. Das versprach zumindest eine leere Fähre auf der Rücktour und circa 20% weniger Abenteuerlustige für die nächste Saison.

Island wurde zum Höhepunkt unserer langen Reise und wird wahrscheinlich auf Platz 1 unserer Länderrangliste landen (wir arbeiten noch eifrig daran). In jedem Fall war es der Punkt, an dem wir luftlinienmäßig gesehen am weitesten von der Heimat entfernt waren. Daran erinnerte uns der nette Berliner Bär neben der deutschen Botschaft in Reykjavik.

Island wirft aber auch eine Reihe von Fragen auf. Zum Beispiel: Gehört die Insel eigentlich zu Europa? Politisch gesehen mit Sicherheit nicht, wobei Island wohl die einzige westliche Demokratie ist, in der die Bevölkerung mehrheitlich der EU beitreten möchte, die Regierung aber keine Anstalten dazu macht (ein weiterer krasser Unterschied zu den Briten, die an ihrem Pfund wie die Fliegen an der Wurst kleben).

Aber wie sieht es nun geografisch aus? Wer kennt nicht die Frage nach dem größten Land oder dem höchsten Berg im (geografischen) Europa. Auf Island treffen sich die amerikanische und die europäische Kontinentalplatte. Deshalb blubbert es hier auch so schön. Es gibt sogar einen Ort, an dem man zwischen den beiden Platten hindurch laufen kann (und wer sich wundert, warum die Europäer und die Amerikaner einfach nicht so richtig warm miteinander werden, dem sei gesagt, dass die beiden erwähnten tektonischen Platten jedes Jahr circa 2 Zentimeter auseinander driften - da kann es ja nichts werden). Demzufolge gehört Island zur Hälfte zu Europa und zur anderen Hälfte zu Amerika.

Und das ist bereits der nächste Streitpunkt. Man stelle sich jetzt einmal vor, die isländische Regierung rafft sich doch noch zum Beitritt auf. Dann betritt am nächsten Tag eine gutaussehender CIA Abteilungsleiter im schwarzen Anzug das oval office im Weissen Haus und sagt: „Mister President, die geografische Abteilung der National Security hat herausgefunden, dass ein Teil von Island amerikanisch ist. Genau genommen könnte man den Beitritt Islands zur EU bezogen auf den amerikanischen Landesteil als eine feindliche Aggression Europas gegen Amerika betrachten. Wir empfehlen sofortige militärische Gegenmaßnahmen."

Das Leben ist nicht einfach, aber voll von Überraschungen. Wir hätten auch nicht erwartet, dass uns unser Wohnmobil noch bis Amerika befördert.

PS: Da wir auf Island im Rausch angekommen waren, entschlossen wir uns, Island auch im Rausch wieder zu verlassen. Wir dachten lange über ein passendes Getränk nach und entschlossen uns schließlich für Baileys auf echtem, 2 Millionen Jahre altem Gletschereis. Eine wirkliche Delikatesse.
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Hugo vor Detifoss ©


Blume im Lavasand ©


Die Lavaraupe ©


Dampfendes Gemüsefeld ©


Theresa staunt über den Geysir ©


Eier frisch gekocht aus der Heisswasserquelle ©


Der Gletscher ©


Gletscherlagune I ©


Eis in der Sonne ©


Gletscherlagune II ©


Gletscherlagune III ©


Gletscherlagune IV ©


Gletscherlagune V ©


Gletscherlagune VI ©


Theresa lukt durchs Eis ©


Gletscherlagune VII ©


Schwarzer Strand ©


Unser Wohnmobil bei Sonnenuntergang ©


Ein See in der Caldera


Eine isländische Feuerwehr

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