 |
Orkney, Shetland und Island
|
|
Europa
Björn-Einar Gustafson, der Leiter vom Esso-Servicecenter in
Reykjavik, beglückwünschte mich: „Do you know? That is
the only place in Iceland where you can change your German gas bottle."
„Ja", sagte ich, „der einzige Platz auf Island - und in
ganz Europa." Wir waren beide Zeuge eines Wunders geworden.
Gasflaschen sind ein gutes Beispiel dafür, dass unser Europa von
heute in Sachen Abstimmung und Kompatibilität dem Europa eines
Augustus oder Karl des Großen noch weit hinterher hinkt. Ein
fachlich genialer, aber historisch kurzsichtiger deutscher Ingenieur
war der Meinung, er könnte mit nur 4 Adaptern (genannt
„Euroset") die Gasflaschenwelt von ganz Europa erschlagen. Eine
Reihe anderer Ahnungsloser wie ADAC oder Wohnmobilverlag versuchen
ebenfalls den Eindruck zu vermitteln, deutsche Gasflaschen könnten
in ganz Europa befüllt und ausländische Gasflaschen ohne
Probleme an ein deutsches Gewinde angeschlossen werden. Das dem nicht
so ist, wissen wir, das Team von Familie-auf-Achse, und hier ist unsere
Geschichte:
Fünf Monate vor meiner Begegnung mit Björn-Einar Gustafson
stand ich an einer Tankstelle im steinigen Makedonien. Nikos, der
junge, dunkelhaarige Grieche an der Zapfsäule, weigerte sich meine
völlig erschlaffte Propangasflasche wieder unter Druck zu setzen.
Der Grund für seine Ablehnung lag nicht in technischen Problemen
(Griechen besitzen ein eher legeres Verhältnis zu technischen
Dingen und gehen davon aus, dass man mit ausreichendem
körperlichen Einsatz auch einen Fernseher zum Wäsche waschen
benutzen kann), sondern vielmehr an der seit 2005 geltenden
gesetzlichen Bestimmung, dass an griechischen Autogastankstellen nur
noch fest installierte Gastanks befüllt werden dürfen. Ich
traute meinen Ohren nicht. Eine Grieche will einem Deutschen etwas
über gesetzliche Bestimmungen erzählen. Ich zweifelte
lautstark an seiner Abstammung. Daraufhin verschwand Nikos mit saurer
Mine in einem rußigen Bretterverschlag gleich hinter dem
überschwappenden Ölablaßbecken. Kurz danach kehrte er
mit einem älteren Herrn im Monteuranzug zurück. Es handelte
sich hierbei um Alexis Arestonides, dem Eigentümer der
Benzinspelunke. Wir tauschten einige kurze Begrüßungsformeln
bevor wir zur Sache kamen. Herr Arestonides schimpfte lautstark
über die Brüsseler Bürokraten, die ihn mit immer neuen
Bestimmungen an den Rand des Ruins bringen. Ich gab ihm Recht, bestand
aber auf einer Gasfüllung für meine deutsche Gasflasche. Es
folgte eine längere Phase des Feilschens und Handelns.
Schließlich einigten wir uns darauf, dass ich zuerst Diesel
tanken und er dann unter dem Risiko einer 10-jährigen
Gefängnisstrafe meine Gasflasche befüllen würde.
Jetzt war Nikos an der Reihe und, noch immer etwas sauer über
meine vorher geäußerten Zweifel, gab er mir eine Lektion in
Sachen hellenistischen Wagemutes. Im Stil eines John Wayne zog er den
Gasfüllstutzen aus der Halterung der Zapfanlage und presste und
schraubte ihn mit archaischer Gewalt auf mein Flaschenventil. Es
störte ihn wenig, dass die Gewinde nicht aufeinander passten und
eisige Gastropfen um unsere Köpfe schwirrten. Er füllte und
füllte. 20 kg reinstes Butangas, obwohl die Flasche nur für
12,3 kg Propangas ausgelegt war. Der Flaschenmadam wuchsen kleine
Fettpolster um die Taille. Zum Schluss konnte ich am Gashahn drehen wie
ich wollte, es strömte immer noch ein wenig Gas aus. Die Flasche
war so schwer, dass ich Mühe hatte, sie wieder ins Wohnmobil zu
hieven. Ich umarmte Herrn Arestonides und er gab mir zum Abschied einen
Kuss auf die Wange.
Italienische Tankwarte können ihren makedonischen Kollegen nicht
das Wasser reichen. Eines können sie allerdings besser: Abwimmeln.
Außerdem besitzen sie erstaunliche schauspielerische
Fähigkeiten, die sie dazu verwenden, einem mit treuherziger Mine
zu versichern, dass ein paar Kilometer weiter, an der nächsten
Gastankstelle, das Befüllen einer deutschen Gasflasche
überhaupt kein Problem ist.
Wir hielten an mehr als 40 Gastankstellen. Manchmal wussten die
Tankwarte bereits im voraus, dass wir kommen, weil andere Tankwarte sie
angerufen hatten. Dann stand ein junger Mitarbeiter an der Strasse und
hielt ein Schild in die Höhe: „Wir nicht fühlen deutsch
Gasflasche!!! Fahren weiter 3 km. Dann kein Problem." Ich glaube bei
Tankstelle 42 haben wir aufgegeben. Danach fuhren wir nur noch zu
Gasabfüllfirmen, soweit sie auf unserem Weg lagen. Aber auch diese
schickten uns immer nur weiter. Als wir schon völlig die Hoffnung
aufgegeben hatten und unsere (griechischen) Gasvorräte
aufgebraucht waren, fuhren wir kurz vor der französischen Grenze
auf den Hof von Toni’s Gasbottelera.
Toni, ein eher unscheinbarer Typ, schaute kurz auf unsere Flasche und
sagte: „No problem." Mir war nicht gleich klar was hier „No
problem" war, aber er meinte offensichtlich das Befüllen unserer
Propangasflasche. Noch immer zweifelnd, folgte ich ihm, die leere
Flasche in der Hand, in einen alten, windschiefen Wellblechschuppen.
Toni schnappte sich eine ziemlich große italienische Gasflasche
sowie eine Gasschlauchkonstruktion die einem Brunelleschi alle Ehre
gemacht hätte. Dann schraubte er die eine Seite des Schlauches auf
seine Monsterflasche, stellte diese auf den Kopf und drehte den Gashahn
auf. Wieder stand ich in einer Wolke aus eiskalten Gaspartikeln.
Irgendwo im Nebel sah ich Toni, wie er das andere Ende des Schlauches,
das fauchte wie der siebte Kopf der Hydra, unter Aufbietung all seiner
Manneskräfte zu bändigen versuchte. Es gelang ihm
schließlich das zweite Gewinde an unserer Flasche zu befestigen
und sofort strömte zivilisiertes italienisches Propangas in unsere
barbarische deutsche Gasflasche. Ich verabschiedete mich von Toni, dem
Römer, mit Tränen in den Augen.
Frankreich war bis 1789 ein Vorbild für Einheitlichkeit. Starke
und rationale Könige erlaubten nur eine Art von Gasflasche. Die
anderen Könige Europas übertrafen sich darin, die Bourbonen
nachzuahmen und so hätte man damals ohne weiteres eine
französische Flasche an die Heizungsanlage einer deutschen
Postkutsche anschließen können. Dann kamen die Juristen und
erklärten sich zu Vertretern des Volkes (welch Frevel). Und damit
war es vorbei mit der Überschaubarkeit. In den nächsten 200
Jahren dachte sich jeder Provinzadvokat eine neuen Gasflaschentyp aus.
Heute nehmen die großen Gitterkäfige, in denen man den
Gasflaschenzoo einsperrt, circa ein Drittel der Parkplatzfläche
der großen französischen Supermärkte in Anspruch. Uns
fehlte die Zeit und die Sprachkenntnisse, um die für uns passende
Flasche (wenn es sie denn gab) herauszufinden.
Spanien ist aristokratisch in der Seele und sozialistisch in der
Regierung. Deshalb sahen die Gewinde von spanischen Gasflaschen gar
keinen Anlaß auf irgendeinen Adapter aus unserem Euroset zu
passen und spanische Gastankwarte würden ihre Gasschläuche
eher in den eigenen Mund als in eine deutsche Flasche stecken.
Brian, der leicht untersetzte, etwas fettleibige Mitarbeiter von Flogas
in Southhampton, wusste zumindest das Linksgewinde an unserer Flasche
zu schätzen. Darüber hinaus weigerten sich aber alle Briten
von Brighton bis Lerwick, mit Berufung auf eventuelle
Schadenersatzklagen, Hand an unsere deutsche Gasflasche anzulegen. Das
Empire ist definitiv nicht mehr das was es einmal war.
Und die Moral von der Geschichte: Ein cleverer französischer
Geschäftsmann kannte sie und erfand die Camping-GAZ-Flasche. Sie
fässt zwar nur 2,75 Liter Butangas, wird dafür aber in ganz
Europa mit einheitlichem Gewinde verkauft. Ein Monopol. Der Preis der
Flasche ist entsprechend hoch und korreliert stark mit dem Breitengrad
des entsprechenden Landes. Waren wir in Spanien noch in der Lage, eine
Flasche für 8 Euro zu erwerben, so mussten wir in England bereits
16 Pfund (circa 23 Euro) auf den Tisch legen.
Von Björn-Einar Gustafson erfuhren wir, dass der einzige
Camping-GAZ-Händler Islands in 2005 den Vertrieb eingestellt hat.
Angeblich soll er nach dem Verkauf von nur 23 Flaschen zum Preis von
10.000 Euro das Stück ein Haus an der Costa Brava erstanden und
dem harschen isländischen Klima den Rücken zugewandt haben.
Björn-Einar Gustafson mag das isländische Wetter -
insbesondere den horizontalen Regen und er hält den Austausch von
deutschen Gasflaschen in Reykjavik für eine
Selbstverständlichkeit. Ein echter Europäer.
|
| <<
zurück - vor >> |
|

Der Himmel so weit auf Shetland I ©

Walknochen als Landmark ©

Der Himmel so weit auf Shetland II ©

Wiese, Wasser und Schafe auf Shetland ©

Der Himmel so weit auf Shetland III ©

Ein Fenstersturz hat es schwer ©

Theresa vor Wand ©

Der Himmel so weit auf Shetland IV ©

Seeigel im Gras ©

Die Bucht unserer Träume

Ehemann wird vermisst

Insel mit Leuchtturm

Ein echtes Shetlandpony sagt Hallo

Ein sinkendes Schiff aus Stein

Hugo und Theresa wollen nicht mehr und machen sich allein auf den Rückweg nach Berlin

Verlassene Ställe |
|