Spanien - Die Pyrenäen

Windeln zu verschenken

Seit einigen Jahren ist bekannt, dass der Zeitpunkt, zu dem ein Kind trocken wird, statistisch gesehen normalverteilt ist. Der Mittelwert liegt bei 33 Monaten (2 Jahre und 9 Monaten) und die einfache Standardabweichung bei 6 Monaten. Im Klartext heisst das, es gibt circa 2,5% Streberbabies, die bereits vor dem 21. Monat trocken sind und später gute Chancen haben, Franktionsvize der CDU im Bundestag zu werden. Dem gegenüber stehen 2,5% Totalverweigerer, welche in der alten Zeit bei den Bausoldaten und heute in der Beratungsstunde für Langzeitstudenten landen.

Hugo gehört zu keiner der beiden Gruppen. Hugo ist 2 Jahre und 9 Monate alt und er kultiviert den Durchschnitt. Allerdings auf seine ganz eigene Art. Das wußte bisher nur noch niemand.

Alles begann in der Kita. Liebenswürdige, aber ahnungslose Erzieherinnen versuchten Hugo bereits mit 20 Monaten trocken zu bekommen. Wir brachten am Morgen Schlüpfer in die Kita und wenn wir Hugo am Nachmittag wieder abholten, dann lagen kleine Plastiktüten unter seinem Kleiderhaken. Sie fühlten sich weich und warm an und wir öffneten sie erst zu Hause im Bad bei geöffnetem Fenster und rotierendem Ventilator. Nach zwei Monaten gaben die Erzieherinnen auf und baten uns wieder mehr Windeln mitzubringen.

Als Hugo die Grenze der einfachen Standardabweichung überschritt (2 Jahre und 3 Monate) und immer noch keine Anstalten machte sich auf dem Topf niederzulassen, führten wir ein Gespräch mit ihm. Er sagte nicht viel (genau genommen gar nichts), aber seine Enttäuschung über unser fehlendes Vertrauen war klar zu spüren. In den folgenden Wochen und Monaten verkroch er sich demonstrativ hinter Küchenschränken und Wohnzimmersofas und füllte seine Windeln um so praller.

Kurz vor Erreichen des Breakeven (vor circa 2 Monaten) griffen wir härter durch. Wir verlangten von ihm uns Bescheid zu sagen, wenn er ein großes Geschäft zu verrichten hatte. Hugo tat dies ab sofort auch. Allerdings war es wohl zu einem Mißverständnis bei der Zeitform gekommen. Er sagte uns nämlich erst hinterher Bescheid, was uns unserem Ziel nicht wirklich näher brachte. Wir gaben verzweifelt auf und nutzten nur noch die Macchiavelli-Methode um uns zumindest die erhöhten Windelkosten später von ihm zurückerstatten zu lassen (siehe Machiavelli für Eltern).

Wir hatten unser Kind nicht verstanden. Hugo wollte weder zu früh, noch zu spät trocken werden. Vor genau zwei Wochen sagte er plötzlich die folgenden drei Sätze:

„Hugo kackern."
„Hugo Toilette."
„Hugo keine Windel mehr."

In den letzten 14 Tagen feilte er noch an der Technik und seit gestern verweigert er auch die Windel am Abend.

Es ist geschafft. Hugo ist trocken. Nach genau 2 Jahren und 9 Monaten. Es lebe die Statistik.

Nachdem sich die erste Euphorie gelegt hatte, erkannten wir, dass es da noch ein Problem gab. Letzten Monat waren Windeln bei LIDL in Frankreich im Angebot gewesen und ökonomisch wie wir nun mal sind, haben wir uns sofort großzügig eingedeckt. Windeln findet man im Moment fast überall im Wohnmobil. Sie liegen auf der Ablage der Windschutzscheibe, hinter Brems- und Kupplungspedal (was Vollbremsungen etwas abfedert) und sogar im Gefrierfach unseres Kühlschrankes. Ein Wohnmobil hat nur beschränkten Platz.

Nach langem Überlegen und im Vertrauen auf Hugo’s Zuverlässigkeit haben wir uns entschieden, unser Windelvermögen einer kinderreichen spanischen Familie zu vermachen.

Oder hat irgend jemand eine bessere Idee?
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