Spanien - Die Pyrenäen

Die WM im eigenen Land

Neben der Frage, wie wir die 24-Stunden-Betreuung unserer Kinder in den Griff bekommen wollten, machte mir die Tatsache, dass wir ausgerechnet während der WM nicht in Deutschland sein würden, vor unserer Reise am meisten zu schaffen. Meine Strategie bestand darin, zum einen nach Alternativlösungen zu suchen und zum anderen, mich dadurch zu trösten, dass wir laut unserer originären Reiseplanung die Zeit der WM in Spanien, Portugal und Frankreich verbringen würden. Alle drei Länder nahmen an der WM teil und konnten als durchaus fußballbegeistert gelten.

Meine Alternativstrategie bestand darin, im Fall einer unerwarteten Halbfinal- oder Finalteilnahme der DFB-Elf sofort per Billigflieger nach Deutschland zurück zu fliegen. Allerdings versah ich diese Variante von Anfang an mit einem extrem niedrigen Wahrscheinlichkeitsgrad (Ich gestehe an dieser Stelle - ich bin bekennender Ungläubiger. Ich glaube nicht an das Wunder einer Halbfinal- oder Finalteilnahme unserer Mannschaft). Mit Easyjet konnte man von Barcelona praktisch zum Nulltarif am 9.7.2006 zum Finale nach Berlin fliegen. Das war jedenfalls im Januar noch so. Seltsamerweise schoß der Preis für diesen Flug im Mai und Juni in die Höhe, was mich zu der Überzeugung gelangen ließ, dass es noch mehr langzeitreisende deutsche Väter in Südfrankreich geben muß.

Noch mehr beunruhigt bin ich aber im Moment über die Spanier. Vorgestern, am 24.06., hat die Frau in einer Bar,  die ich um 17:01 Uhr stürmisch betrat, fast 5 Minuten gebraucht um den richtigen Sender (La Sexta) zu finden. Als sie ihn endlich fand, drosch der nette Pole aus Köln gerade das Leder zum 1:0 ins Netz der Schweden.

Oder beim Vorrundenspiel der Spanier gegen Tunesien. Da saß ich in einer Kneipe auf einem Campingplatz zusammen mit einem niederländischen Pärchen und der spanischen Kneipiersfamilie. Letztere diskutierten und gestikulierten zwar eine Menge, bei den Torerfolgen ihrer Mannschaft zeigten sie allerdings nicht die Spur einer emotionalen Regung. Dafür erscholl ein Heidenlärm vom Gelände nebenan, was vermuten ließ, dass dort die echten Fußballfans saßen. Ich fühlte mich wie ein 14-jähriger der beim Abschlußball der Tanzschule nur die Klassenhäßlichste abbekommen hat - am völlig falschen Platz.

Was will ich damit sagen? Entweder ist den Spaniern Fußball absolut egal oder ich bin immer zur falschen Zeit am falschen Ort.

Morgen abend um 21:00 Uhr spielt Spanien gegen Frankreich im Achtelfinale. Ich werde in einer galizischen Spelunke (das entspricht in etwa einer Landgaststätte in Oberbayern) sitzen und dann möchte ich endlich halbnackte Frauen sehen, die mit rot-blau bemalten Gesichtern auf bierglasbedeckten Tischen tanzen. Dann möchte ich endlich erleben, dass spanische Männer über den Torerfolg ihrer Mannschaft vergessen, dass sie spanische Männer sind (In etwa so wie in der spanischen Coca-Cola-Zeichentrickwerbung, wo ein Mann im ehelichen Schlafzimmer über ein Tor der Spanier jubelt und im nächsten Moment sein Nebenbuhler aus dem Schrank springt und ebenfalls jubelt und beide dann - nach einer kurzen Bedenksekunde - gemeinsam, Arm in Arm, jubeln). Ich möchte, dass um 21:15 Uhr Traktorenlärm zu hören ist und kurz danach schweißverschmierte, schwerhörige Bauern das Lokal betreten und sich lautstark nach dem Zwischenstand erkundigen. Ich möchte Zigarettenqualm und Lärm, so dass man kaum noch mitbekommt was sich dort im Fernseher abspielt.

Es muß doch verdammt noch mal in diesem Land möglich sein zu vergessen, dass man Deutscher ist und die WM im eigenen Land stattfindet!!!!

PS: Ich möchte alle Freunde und Bekannte an dieser Stelle bitten, mir in Zukunft keine Mail mehr zu schicken, in der die unglaubliche Atmosphäre in Berlin, Hamburg oder irgendeiner anderen deutschen Kleinstadt beschrieben wird. Vielen Dank.



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