Spanien - Die Nord-West-Küste

Zum Atlantik

2 Tage, 900 Kilometer, drei Autobahnraststätten und ein McDonalds benötigten wir, um zur Antlantikküste vorzudringen. In den Pyrenäen war es uns zu heiß geworden. Das Thermometer kletterte tagsüber bis nahe 40 Grad und selbst die wunderschönen Stauseen boten bei 28 Grad Wassertemperatur kaum noch Abkühlung. Die Nord-West-Küste Spaniens versprach besseres Wetter und eine schöne Landschaft.

Zuerst ging es aber noch ein Stück weiter durch das Pyrenäenvorland. Wir quetschten uns durch enge Bergschluchten und überquerten so manchen hohen Pass. Einmal standen wir alle auf einer alten Steinbrücke, die eine mehr als 40 Meter tiefe Schlucht überspannte. Die Brücke hatte eine nur knapp 50cm hohe Brüstung. Jeder Erziehungsberechtigte wird unsere Gefühle nachvollziehen können. Mit meinen Händen hätte man ohne Probleme einen schmutzigen Frühstückstisch abwischen können.

Während unserer ganzen Fahrt nach Westen wurden wir permanent von Menschen begleitet, die zum Grab des Apostels Jakobus nach Santiago de Compostella pilgerten. Selbst während unserer Fahrt auf der Autobahn konnten wir sie mit schweren Rucksäcken oder voll beladenen Fahrrädern über die Brücken ziehen sehen. Auf den letzten 80 Kilometern Landstraße vor Santiago mußte man aufpassen, dass man keinen von ihnen überrollte. Den Preis für den absurdesten Pilgerer erhielt das Ehepaar mit dem Traktor und der Deutschlandfahne. Gratulation.

Nach so vielen Jakobusanhängern waren wir förmlich gezwungen in Santiago zu stoppen. Wir übernachteten auf dem einsamen Parkplatzgelände des Stadions und mußten dieses nur mit einer Hand voll Powerwalkern und den üblichen nächtlichen Liebespärchen teilen. Santiago war für ein Touristenzentrum relativ ruhig und angenehm. Birgit führte Theresa zur Grabstätte vom guten alten Jakobus, was unsere Tochter sehr freute, denn wir hatten ihr auf dem Weg schon viel über Christus’ besten Freund erzählt.

Von Santiago brachen wir am Sonntag, den 24.6.2006, gegen 16:00 Uhr auf. Das heißt, genau eine Stunde vor Beginn des Achtelfinalspiels unserer Mannschaft gegen Schweden. Als wir das Ortsschild von Urdilde passierten, schlug die Kirchturmuhr gerade das fünfte Mal. Wir stürmten die nächst beste Bar und genossen bei Kaffee con Leche und Croissants den 2:0 Sieg der Kliensmann-Truppe. Da das Spiel nach 12 Minuten bereits entschieden war, machte Birgit sich mit ihren 3 Worten Spanisch auf den Weg, unsere immer knapper werdenden Gasvorräte wieder aufzufrischen. Sie schaffte es tatsächlich, einem alten Mann in einem Eisenwarenladen eine 3 kg Camping-Gaz-Flasche inklusive Adapter abzuschwatzen. Das steigerte die Stimmung um so mehr, denn ohne Gas ist im WoMo gar nichts los.

Guter Laune ging es weiter und es sollte noch besser kommen. Stur unserem Wohnmobilführer folgend, steuerten wir die Atlantikküste bei Carnota an. Was uns dort erwartete, entbehrt jeglicher Beschreibung. Hier ein Versuch: Eine Bucht so groß, dass ein Airbus A380 landen und wieder starten könnte. Sand so weiss, dass man selbst bei bedeckten Wetter, ohne Sonnenbrille wie blind herum läuft. Gezeiten so mächtig, dass ganze Landschaften innerhalb von wenigen Stunden unter blau-grünen Wasser ertrinken. Blankgeputzte Granitblöcke so schwer, dass man damit einen Mercedes-Bus ohne weiteres bis auf Hugos Augenhöhe absenken könnte (soweit das irgend wie Sinn macht). Wer das nicht glaubt, der werfe ein Blick in die Bildergalerie.

Zweieinhalb Tage lang genossen wir dieses Paradies, spazierten bei Ebbe über die endlosen Wattfelder, badeten bei Flut in den gefüllten Tidepools und joggten abends über den breiten Sandstrand. Birgit wurde wie immer an solchen Plätzen von ihrer Sammlerleidenschaft befallen. Das muß kulturhistorisch bedingt sein, denn während sie sammelte, jagte ich Haie. Allerdings war ihre Ausbeute weit ergiebiger als die meine.

Bei einer ihrer ausgiebiegen Strandwanderungen geriet Birgit in die Arme des berüchtigten atlantischen Strandwürgers. Ich hatte einige Mühe sie wieder zu befreien. Dann fuhren wir weiter.

Am nächsten Strand in Colme ging Birgit wieder auf Strandwanderung. Diesmal nahm sie noch Theresa mit. Sie liefen zu einer Insel, die nur bei Ebbe zu erreichen ist und sammelten einen kleinen Eimer voll Mies- und anderer, nach Birgits Aussage essbarer Muscheln sowie verschiedene Seegrassorten und Algen. Und wer hätte das gedacht, kam sogar ein Schwarm Delphine vorbei geschwommen. Beide waren jedenfalls ziemlich aus dem Häuschen, als sie wieder zu Hugo und mir zurückkehrten. Wir hatten zwischenzeitlich 2 Stunden „Engel und Baby" gespielt, was auch ziemlich Nerven aufreibend gewesen war, denn der Engel war diesmal besonders stur und das Baby musste mehr als gewöhnlich weinen.

Am Abend gab es Muscheln an Seegras in einer leckeren Weissweinsosse. Birgit ass den Löwenanteil dieser exklusiven Mahlzeit, Theresa und Hugo jeweils eine Muschel und ich gar nichts.

Danach, um 21 Uhr, bin ich in die Kneipe gegangen. Ich habe mir die lauteste ausgesucht und wurde diesmal nicht enttäuscht. Auf einer Großbildleinwand wurde das Spiel Spanien:Frankreich übertragen und die Menge tobte. Ich habe „Vamos, Vamos" geschriehen und mich wie alle anwesenden Spanier über die Auswechslung von Raoul gefreut. Doch es hat nichts geholfen.

Wir haben am Ende alle geweint und ich habe anschließend 1 Stunde auf Birgit eingeredet, damit sie unsere Reisepläne ändert und wir so schnell wie möglich nach Frankreich fahren. Leider war sie nicht dazu bereit, hat mir aber den Vorschlag unterbreitet, am Sonnabend zum Viertelfinalspiel Frankreich:Brasilien in Bilbao zu sein. Ich hoffe jetzt, dass die Basken mit den Franzosen sympathisieren und dort wieder gute Stimmung herrscht. Bisher war Spanien eine reine Enttäuschung. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ach ja - und dann haben wir noch festgestellt, dass wir im Moment den Punkt unserer Reise erreicht haben, an dem wir am weitesten von 10435 Berlin entfernt sind - knappe 2500 Kilometer. Jetzt also bitte keine Rückrufaktionen. Außerdem ist am Freitag, wenn die Deutschen spielen, unser Bergfest. Das könnte also ein feucht-fröhlicher Abend werden.
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Theresa und Hugo mal ein wenig anders


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