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Vor
der Reise
Ich fang ganz spontan ...
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... überhaupt nichts an.
1.Februar 2006 / 1:20am
Ich stehe an der Frankfurter Allee und um mich herum wabern dicke Nebelwolken.
Dieses Wetter erinnert mich an früher, wenn bei den
Schlachtefesten der Wasserdampf aus den Kesseln stieg und dicke Tropfen
an
den Fenstern der Waschküche herunter liefen.
Die Friedrichshainer Wolken sind kalt und nass und durch die
Waschküche hier verläuft eine dreispurige Straße mit
schmutzig gelben Dieseltaxis und grün-weißen Polizeiautos.
Ich drehe mich herum und blicke auf einen Typen mit schwarzer
Rappermütze und einem großen Pappkarton in den Händen.
Ich stelle mir eine Polizeidurchsage vor: „Überfall auf der
Frankfurter Allee. Flüchtiger Mann ist circa 1,80 Meter
groß, trägt eine schwarze Kopfbedeckung und hat den Rucksack
mit der Beute auf dem Arm." Ich schaue noch einmal in die
Schaufensterscheibe. Direkt darüber ist in roter Farbe der Satz
„Fuck the Police" auf die Wand gesprüht. Es ist Zeit zu
gehen. Die erste Elternzeit meines Lebens ist genau 80 Minuten alt.
Ich wache gegen 11 Uhr morgens im Kinderzimmer auf. Mein Kopf ist
schwer. Das war wohl der Gigolo. Oder der Mojito. Einer muss ja Schuld
sein. Da ist aber noch etwas. Etwas, was ich nicht genau verstehe.
Geheimnisvolle Signale aus dem Inneren meines Körpers. Ich
versuche mich zu konzentrieren, kann mich aber nur an eine Sache
erinnern: Schlittschuh fahren.
Genau – Schlittschuh fahren. Das wollte ich am ersten Tag meiner
Auszeit machen. 9 Monate Pause nach 7 Jahren Arbeit. Das muss
entsprechend begangen werden. Also – Schlittschuh fahren.
Aber wo fährt man im Prenzlauer Berg Schlittschuh? Ich krame meinen
alten Falk-Atlas heraus. Den habe ich auch schon 7 Jahre nicht mehr
benutzt. Zum Potsdamer Platz findet man auch so. Der
nächste größere blaue Fleck auf der Karte befindet sich im Volkspark
Friedrichshain. Da bin ich gestern nacht mit meinem Karton
vorbeigelaufen.
Ich nehme das Fahrrad, doch der blaue Fleck im Volkspark entpuppt sich
als unbrauchbar. Ich denke kurzzeitig über eine neue Sportart
nach: "Buckelpisten-Schlittschuhlauf". Aber die nächsten
Olympischen Winterspiele stehen einfach zu kurz vor der Tür. Das
käme wahrscheinlich nicht mehr durch.
Später drehe ich noch ein paar Kreise im Hinterhof einer
Neubausiedlung in Weißensee. Das ist zwar auch unbefriedigend,
hat aber den Charme des jungfräulichen, denn in dieses Eis hat
noch keine Kufe ihre Rillen geschnitten.
Doch auch dieses Messner-Gefühl verfliegt sehr schnell und wieder
spüre ich diese inneren Signale. Und wieder kann ich sie mir nicht
erklären.
Endlich. Der Weiße See in Weißensee. 1,5 Quadratkilometer
glattes Eis. Fünf Leute mit Schlittschuhen drehen irgendwo ihre
Runden. Zehn weitere hocken mit blassen Gesichtern vor Löchern im
Eis. Ich schnalle mir die Schuhe an und laufe. Laufe und laufe. Mein
Körper meldet sich wieder. Mir ist hundekalt. „Lauf ein
wenig schneller." Ich laufe schneller. Es hilft aber nichts.
Es wird dunkel. Mein erster Tag ist fast vorüber. Ich radele jetzt
den weiten Weg zurück nach Hause. Mir wird immer kälter. Ich
radele etwas schneller. Langsam dämmert mir, was mein Körper
mir die ganze Zeit sagen wollte, doch jetzt habe ich so ein
Gefühl, als ob es zu spät ist, die Botschaft zu entziffern.
Ich komme zu Hause an und bin völlig fertig.
Die Botschaft ist mir jetzt klar: „Du hast dich erkältet!"
Die Auszeit kann beginnen. |
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